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Natürliche Wirtschaftsordnung / Silvio Gesell
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Silvio Gesell, ein Kaufmann, der 1862 geboren wurde, hat um
die Jahrhundertwerte
die "Natürliche Wirtschaftsordnung" entdeckt. Doch bevor ich hier in die Details
gehe, möchte ich zuerst die Funktion des Geldes klären.
Geld ist der Ersatz für früher übliche Tauschmittel, also ein Zahlungsmittel.
Alle sehr frühen Tauschmittel, wie z.B. Getreide, hatten die Eigenschaft, dass
sie mit der Zeit an Wert verloren, z.B. durch Verfaulen, etc. Unser heutiges
Geld reagiert genau umgekehrt: es vermehrt sich ohne Arbeitsaufwand, über den
Zinseszins-Mechanismus. Darüber hinaus ist dieses Wachstum wie das Wachstum von
Krebszellen (und der Anzahl der Menschen auf diesem Planeten): exponentiell, d.h.
das Wachstum wird immer rasanter. Im Gegensatz dazu ist das Wachstum in der
Natur -
egal welche Pflanze, welches Tier wir betrachten - zeitlich begrenzt, und mündet
schliesslich wieder in einem Abbau bis zum Tod. Wir sehen also, dass das heutige
Geldsystem der Natur nicht entspricht.
Silvio Gesell hat die grundlegenden Problematiken, die durch diese unnatürliche
Form des Geldsystems entstehen aufgezeigt. Dazu gehören:
Die zunehmenden Zinsen, die auf der einen Seite den
Geldbesitzern gutgeschrieben
werden, müssen von jemand anders bezahlt werden. (So stecken heute z.B.
in Mieten ca. 70 % Zinsen, im Durchschnitt aller Waren 40 % - 50 %). Um
diese stetig zunehmenden Zinsen erwirtschaften zu können, muss die Wirtschaft
ständig wachsen, mit immer zunehmenden Raten. Dies ist nur "ohne Rücksicht
auf Verluste", sprich Lebensqualität und Umwelt, möglich.
Eine Abschaffung des Zinses würde somit sofort die Kaufkraft und damit den
Lebensstandard der Menschen verdoppeln!
Die zunehmende Geldmenge muss in regelmässigen Abständen
vernichtet werden, um die exponentielle Vermehrung zu unterbrechen. Das Mittel dazu ist
der Krieg. Anders ausgedrückt: unser Geldsystem erzwingt Krieg.
Damit die Wirtschaft den Faktor Arbeit kostengünstig erhalten
kann, ist eine Arbeitslosigkeit in der Grössenordnung von 10 % erwünscht. Die
"Abzinsung" von Investitionen gewährleistet diese Arbeitslosigkeit! Eine zinsfreie
Wirtschaft würde sofort Millionen von Investitionen rentabel werden lassen und
damit zur Vollbeschäftigung führen.
Reiche werden immer Reicher, Arme immer Ärmer. Ab etwa
500.000 Euro gehört
man zur Zeit zu den Zinsgewinnern, andernfalls sind die versteckten
Zinsen grösser als der Zinsgewinn auf der Bank.
Die Armen müssen immer mehr arbeiten, um die ständig steigende Zinslast,
die sich in Produkten, Steuern und Abgaben versteckt, und den Reichen zugute
kommt, erarbeiten zu können. Folgen:
a) Arbeitslosigkeit - statt dass alle ein wenig arbeiten, arbeiten die
meisten zu viel und einige gar nicht.
b) Überarbeitung -> Stress -> teure Gesundheitsschäden
c) Der Zwang, viel Geld verdienen zu müssen, um sich erhalten zu können,
führt dazu, dass die meisten Menschen etwas tun, was sie nicht als ihre
Berufung ansehen. Folge: psychologische Unzufriedenheit -> Stress -> teure
Gesundheitsschäden
Durch das Zinssystem werden künftige ökologische Schäden
(Stichwort Abzinsung) äußerst verniedlicht. (Beispiel: bei einem Zinssatz
von 10 % wird ein Schaden in Höhe von 1 Bio. DM, der erst in 250 Jahren
auftritt - Stichwort z.B. Kernkraft - heute mit ganzen 44 DM bewertet.
Allerdings rechnen Banken z.B. mit einer Kapitalverdopplung innerhalb von 5
Jahren, dies entspricht 14,89 %, damit wäre die Billion heute noch 0,0009 DM
Wert). Bei einer "Geldentwertungsrate" von 1 % p.a. dagegen wäre die Billion
in 250 Jahren heute 12 Bio. DM "wert".
Folge: wirtschaftlich ökologische Erfindungen werden unterdrückt (Bsp:
Elsbett-Motor, ...), die kurzfristige Sichtweise gewinnt gegenüber langfristiger
Perspektiven. Bsp: Quartalsberichte von Unternehmen werden immer wichtiger statt
langfristiger Ausrichtungen
Die Problematik liegt also darin, dass etwas, was nicht
arbeiten kann, sich selbst vermehrt. Anders ausgedrückt: nur durch Arbeit
sollte das Vermögen wachsen können. Oder haben Sie bereits einmal gesehen,
wie Geld arbeitet? Legen Sie doch bitte einen Stapel Geld vor sich, und
beobachten, wie er "arbeitet". Was stellen Sie fest? Natürlich tut er nichts -
und genau so sollte es in einem gesunden, natürlichen Geldsystem der Fall sein.
Bereits 1918 hatte Silvio Gesell den 2. Weltkrieg vorhergesehen:
"Trotz der heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu
ächten, trotz der Rufe der Millionen: Nie wieder Krieg, entgegen all den
Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich sagen:
Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage
ich es heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir
vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen.
Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir. Der heutige Stand der
Technik läßt die Wirtschaft rasch zu einer Höchstleistung steigern. Die
Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch
ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der
Wirtschaftsraum wird einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden
auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit
der Aufschrift lesen können: 'Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land,
nur Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen'. In den
unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden...
Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg
sein."
Die Lösung
Die Lösung ist ein zinsfreies Geldsystem und eine Bodenreform, die beinhaltet,
dass
das nicht-vermehrbare Gut Boden nicht in privater Hand liegen darf, da es sonst
eine
ähnliche Funktion übernimmt wie das Geld zur Zeit. Darüber hinaus sollte sich
das Geld
so verhalten, wie alle früheren Tauschmittel: es wird mit der Zeit weniger.
In der schwersten Wirtschaftskrise zwischen 1. und 2. Weltkrieg wurde im
österreichischen
Wörgl ein Experiment durchgeführt mit der Natürlichen Wirtschaftsordnung.
Überragende
Verbesserungen waren die Folge; als die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde,
wurde das "Geld" von Wörgl verboten.
Doch dieses Experiment war nicht das einzige: Im sogenannten "Goldenen
Mittelalter" von ca. 973 n. Chr. bis 1300 n. Chr. existierte in Europa ein
sogenanntes "Schwundgeld" (Brakteaten). Das Ergebnis war die
größte Entwicklungsperiode der deutschen Geschichte. Damals waren die
sozialen Unterschiede so ausgeglichen wie nie mehr im historischen Verlauf.
Wer viel hatte, erwarb den Wohlstand durch Arbeit, nicht durch leistungslose
Zinsen. Das Minimum der arbeitsfreien Tage pro Jahr lag bei 90, oftmals über
150. Sehr bald wurde auch der Montag als arbeitsfrei eingeführt, damit
mußten die Handwerker nur 4 Tage in der Woche arbeiten.
Um 1300 wurde ein Höhepunkt der Städteneugründungen, als Maß für die
wirtschaftliche Entwicklung, erreicht, welcher in der ganzen Geschichte vor
und nach dieser Zeit nie mehr erreicht wurde. In der Zeit von 973 - 1300
wurden die großen Dome und Kathedralen in Europa gebaut. Finanziert durch
freiwillige Spenden der Bürger. Allein schon hieraus wird deutlich, wie
zuversichtlich die Menschen damals gewesen sein mußten.
Wer spendet schon für ein Jahrhundertprojekt, wenn er schon morgen nicht
weiß ob er noch leben wird?
Weitere Beispiele sind das alte Ägypten, wo dieses System über einen Zeitraum
von vermutlich 1500 Jahren betrieben wurde. Der "Schwund" des Geldes wurde dabei
- genauer als im Europa mit Hilfe der "Brakteaten" - taggenau berechnet. Die
Nachhaltigkeit einer solchen Wirtschaftsära zeigt sich nicht nur in den
Erkenntnissen, die man aus den phantastischen Bauwerken der Ägypter, den Pyramiden,
zieht, sondern auch in der Perfektion und Dauerhaftigkeit dieser angeblichen
Grabstätten.
Weitere aktuelle Beispiele sind der "Chiemgauer" und die WIR-Bank in der Schweiz.
Die WIR-Bank wurde 1934 in der Schweiz gegründet, um die Auswirkungen der
Weltwirtschaftskrise abzumildern und zu überwinden. Mittlerweile hat der als
Selbsthilfeaktion gegründete Wirtschaftsring den Status einer Bank. Das Netzwerk
zählt mehr als 60.000 Mitglieder, Tendenz steigend. Die Bank beschäftigt heute
170 Mitarbeiter.
Die Anzahl solcher alternativer Systeme steigt stark an: War ca. 1980 weltweit
noch kein Schwundgeldsystem im Umlauf, betrug die Anzahl 1991 bereits 200 und im
Jahr 2000 ca. 2.500 solche - meist lokal begrenzte - Systeme.
Der frühere Chef des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel, Prof. Harms, bestätigte
Silvio Gesell indirekt mit der folgenden Bemerkung, die auch gleich seine
Haltung darlegte:
"Man kann Silvio Gesell nicht widerlegen, man kann ihn nur ablehnen".
Die Tatsache, dass genug Menschen an diese Ablehnung glauben,
sichert, dass sich nichts verändert. Und zur "Beruhigung" derer, die
sich nicht damit zufrieden geben, gar nichts zu tun, gibtīs genug
Ablenkungsthemen: Krankenversicherungskrise, Rentenkrise,
Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Gentechnik, ... was wiederum
sicherstellt, dass sich nichts wirklich verändert.
Was können wir tun?
Die Frage, die sich jeder stellen muss, der sich für Frieden, für den Abbau des
Wohlstandsgefälles zwischen verschiedenen Nationen, aber auch innerhalb einer
Nation,
für Umweltschutz und Menschenrechte engagiert, ist: Was kann ich tun, damit mein
Geld nicht alle meine Bemühungen zunichte macht, indem genau in die Bereiche
investiert wird (über den Umweg von Fonds, Banken und Versicherungen),
die Ausbeutung, Krieg und Umweltzerstörung hervorrufen? Im September 2004
ist
mein Buch
erschienen, das sich auch mit der Frage beschäftigt,
was jeder einzelne tun kann, um hier eine Änderung zu bewirken.
Stand Mai 2004 arbeite ich mit einem Kollegen aus der Medienbranche an einem
Konzept, dieses Thema, das seit Jahrzehnten in Presse, Funk und Fernsehen
unterdrückt wird, in die öffentliche Diskussion zu bringen. Wenn Sie sich
aufgerufen fühlen, dazu beizutragen, dann mailen Sie mir unter dem Stichwort
"... halbvoll!" an
Stephan.Petrowitsch@gmx.de
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Fragen und Antworten
Durch die Kapitalismus-Kritik vieler Leser in der Süddeutschen Zeitung sind einige
interessante Briefwechsel zustande gekommen, die Fragen aufwarfen. Zu einigen davon
habe ich Stellung genommen, und die Antworten mögen von allgemeinem Interesse sein,
so dass ich sie hier wiedergebe:
Wenn Sie die Geldtheorie Gesellīs von der Regiogeld-Szene
kennen, so wissen Sie vielleicht nicht, dass zu der Umlaufsicherungsgebühr noch zwei
weitere Dinge gehören? Bodenreform und die Schaffung von Geld ohne
Zins und vom Staat anstatt - wie bisher üblich - durch Privatpersonen?
Ich stimme Ihnen und allen anderen, die sagen, dass das Bewusstsein
die entscheidende Rolle spielt, zu. Das Paradies werden wir nur auf diese
Weise schaffen. Aber eine Welt, in der Not, Elend und Arbeitslosigkeit
Fremdwörter sind, wird man schon mit Gesellīs Maßnahmen erreichen.
Für die geistigen Aspekte habe ich in
meinem Buch
einen Weg beschrieben,
den viele Leser äußerst faszinierend finden.
Sie schreiben, dass es auch nach der Einführung der Maßnahmen von
Silvio Gesell Schlupflöcher gibt, die von den Raffies gefunden werden. Da
mögen Sie recht haben! Auch nach der Geld- und Bodenreform gibt es
sicherlich - vereinzelte, nicht so weit verbreitete wie heute - Exemplare der Spezies
Mensch, die versuchen werden, durch Raffen und Betrügen reich zu werden.
Doch diese Geisteshaltung resultiert eben auch aus einem System, in dem Geld
künstlich verknappt wird. Gesellīs System wird jedoch dazu führen, dass man
leicht und einfach sein Leben bestreiten kann (und damit die Hauptmotivation
dafür wegfällt, zu betrügen und auf Kosten anderer zu raffen).
Ausserdem wird sich bald zeigen, dass die Wirtschaft nicht mehr auf Teufel
kommī raus wachsen muss - die ständige Erzeugung künstlicher Bedürfnisse
und die Produktion von Gütern, die planmäßig nach kurzer Zeit ihren Geist
aufgeben, ist beendet, zugunsten einer Wirtschaft, die wieder ihrer eigentlichen
Aufgabe nachkommt: dem Menschen zu dienen. Und dieser Mensch wird sich -
nicht mehr mit den feinsten psychologischen Mitteln zum Konsumenten degradiert -
wieder dem Leben und seinen wirklichen Bedürfnissen zuwenden, und somit
mit wenigen Stunden Arbeit pro Woche bequem und angenehm leben können.
Auch ich befürchte, dass wir es nicht mehr schaffen,
Gesellīs Maßnahmen durchzusetzen, bevor eine stark wachsende
Kriminalität, Anarchie und Kriege die logische Folge unseres naturwidrigen Systems
sein werden. Dies befürchte ich besonders deshalb, da ich im Jahr 2004 mit einem
Partner, ehemaliger Manager im Kirch-Konzern, ein Filmprojekt initiiert habe (die
Homepage
Halbvoll - der Film dafür
ist vor kurzer Zeit aus akutellem Anlaß
vom Netz genommen worden). Das Ziel: Durch ein entsprechendes Millionenpublikum,
dem Gesellīs Maßnahmen nähergebracht werden, die Öffentlichkeit zu schaffen, die
man benötigt, damit die Politik die Augen davor nicht mehr verschließen kann.
Wir haben dabei unter anderem auf die (finanzielle) Unterstützung diverser Organisationen,
die sich mit Gesellīs Maßnahmen befassen gehofft, so z.B. die INWO, der deutsche
Freiwirtschaftsbund, die Christen für gerechte Wirtschaftsordnung, und andere, die
auf Bergen von Stiftungsgeldern sitzen. Doch die Resonanz war bescheiden: Manche
haben wirklich kein Geld, von anderen, die auf den Stiftungsgeldern sitzen, hört man
nie mehr einen einzigen Ton...
Ich habe hier den Eindruck, dass nicht jeder, der vorgibt, sich für etwas bestimmtes zu
engagieren, dies auch wirklich tut, sondern dass hier durchaus auch "Maulwürfe" der
Gegenseite am Werk sind, die mehr verhindern als möglich machen...
Siehe auch: Geld /
Natürliche Wirtschaftsordnung / Silvio Gesell
Siehe auch: Geld / Natürliche Wirtschaftsordnung /
Feder's Buch
Siehe auch: Spekulationen
über die NAZI-Zeit
Siehe auch: Artikel
Kurzfristiges Denken - langfristiges Denken
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